«Daniel Schmid – ein Kosmopolit aus den Bergen»
Radiobeitrag von Brigitte Häring, Reflexe, 5.4.2010, 11.03-11.35 Uhr, DRS 2
Brigitte Häring unterhält sich mit den Filmemachern und mit dem Produzenten Marcel Hoehn.
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Mysterium der Oberfläche: „Daniel Schmid – Le chat qui pense“
Ein Gebilde aus Luft und Licht, ein Zaubertraum, ein Wehmutspoem, eine Collage aus Kunst und Kitsch, Pathos und Protest, ein Film wie eine Séance. Die Dokumentaristen Pascal Hofmann und Benny Jaberg erinnern an Daniel Schmid, den Schweizer Regisseur, der 2006 gestorben ist. An Schmid, das Graubündner Hotelkind, das im Foyer des Schweizerhofs in den Alpen aufwuchs, an Schmid, den Fassbinder-Freund im studentenbewegten Berlin, der mit R. W. fröhlich zusammen am Klavier „Davon geht die Welt nicht unter“ singt, an Schmid, den Romantiker und Rebellen, der mit Ingrid Caven und Werner Schroeter in den Pariser Nachtclubs die Nächte durchfeiert und sich von Marlene Dietrich ein Lippenstift-Autogramm geben lässt, an Schmid und Douglas Sirk, Schmid und die Melodramen, die Diven, die Chansons, die Berge, die Oper, die Liebe zu Japan, die Filme „Zwischensaison“ zum Beispiel, „Heute Nacht oder nie“ oder „Il bacio di Tosca“, sein Dokumentarfilm über ein Altersheim für Opernsänger in Mailand.
Die Schauspielerin Bulle Ogier, der Kameramann Renato Berta, Schroeter, Caven: Alle sagen sie wunderbare Sätze, über das Kino und das Glück, Sätze, die dieses Festival überdauern mögen. Die schönsten stammen von Schmid selbst, er spricht sie mit seiner seit einer Kehlkopfoperation rauen, erotischen Flüsterstimme. „Das Sichtbare des Menschen ist viel geheimnisvoller als das Unsichtbare“, sagt er. Und dass seine Filme von nichts anderem handeln als von dieser mysteriösen Oberfläche.
Christiane Peitz, Tagesspiegel
URL: http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/Panorama-Forum;art16892,3032656
Ingrid Caven, die Hauptdarstellerin mehrerer Schmid-Filme, war anfangs ziemlich skeptisch gegenüber dem Vorhaben, wie sie bei der Uraufführung des Films auf der Berlinale bekannte. Obwohl sie sich für den Film interviewen ließ, hatte sie so ihre Zweifel, ob die jungen Filmemacher (es ist ihr Langfilmdebüt) sich in den Zeitgeist von vor 40 bis 50 Jahren würden hineinversetzen können. Aber die Film- und Chanson-Diva war sichtlich zufrieden und gerührt von dem Ergebnis.
Pascal Hofmann hatte eigentlich ideale Voraussetzungen für den Film. Er stammt aus Flims, demselben Dorf in den Bündner Bergen, in dem Daniel Schmid als Hoteliersohn aufwuchs. Hofmann hatte schon als Jugendlicher den Filmemacher kennen gelernt und begann im Winter 2006 mit dem Projekt. Doch ein halbes Jahr später starb Daniel Schmid an den Folgen eines zurückgekehrten Krebsleidens. Das Projekt stand auf der Kippe. Mit älterem Interviewmaterial ließ es sich in veränderter Form doch noch realisieren – nicht zuletzt dank der aktuellen Mitwirkung von Ingrid Caven, Werner Schroeter, der Schauspielerin Bulle Ogier und dem Kameramann Renato Berta.
Der Film zeichnet Leben und Werk chronologisch nach, durchsetzt von Filmausschnitten und poetischen (Stadt)Landschaftsaufnahmen. Dabei gelingt den beiden Dokumentarfilmern etwas sehr Bemerkenswertes: Sie greifen die Stimmung und zum Teil die Bildsprache von Schmids Werken in ihrem Film auf. So machen sie das Anliegen von Schmid, Schroeter, Caven und teilweise auch Fassbinder für einen kurzen Moment zu ihrem eigenen, lassen es für 83 Minuten wieder aufleben: Durch eine stilisierte, künstliche geschaffene neue Wirklichkeit eine Wahrheit zum Vorschein zu bringen, die in der normalen Realität verborgen bleibt.
Schon in seiner Kinder- und Jugendzeit lebte Daniel Schmid in einer Welt, in der die Fantasie einen großen Stellenwert hatte. Das Treiben in der Halle des mondänen Hotels, in dem Künstler und Lebenskünstler ein- und ausgingen, vergleicht er mit einer Bühne, mit theatralischen Auftritten, mit der Lust, sich herausgeputzt zur Schau zu stellen. Natürlich lagen Schmid und Schroeter mit ihrer Liebe zur Oper nicht auf der Klassenkampf-Linie der 68er-Bewegung. Trotzdem waren sie wie der ebenfalls homosexuelle Fassbinder Teil dieses Aufbruchs, der ihnen ganz neue Freiheiten eröffnete, gerade auch in sexueller Hinsicht.
Der Film zeigt die konfliktreiche Freundschaft mit Rainer Werner Fassbinder, dem großen Provokateur, dessen selbstzerstörerische Tendenzen Schmid glücklicherweise nicht teilte. Er erzählt auch von der Pariser Wohngemeinschaft, in der Schmid mit Schroeter und Caven lebte. Vor allem aber bietet Daniel Schmid – Le chat qui pense einen Einblick in den träumerisch-opulenten Stil von Schmids wichtigsten Filmen, unter anderem La Paloma (1974), Schatten der Engel (1976), Der Kuss der Tosca (1984), Jenatsch (1987) und Beresina oder die letzten Tage der Schweiz (1999).
Prominent platziert ist in dem Film ein Ausspruch von Daniel Schmid über das Wesen des Porträtierens: “Wenn du jemanden beschreibst, beschreibst du eigentlich dich selbst.” Diesen Satz haben die Filmemacher sehr ernst genommen und sich klar zu ihrer Subjektivität bekannt. Aber selbst wenn ihr Film keine objektiven Wahrheiten liefern kann, so trifft Schmids Diktum auf diese Doku vielleicht am wenigstens zu, und das sehr zu ihrem Vorteil. Wer da mit großer Wärme und Anteilnahme beschrieben wird –– das ist wirklich Daniel Schmid.
Peter Gutting
Filmen, um weniger allein zu sein
Es war eine berührende Szene: Die alternde Diva Ingrid Caven stand auf der Bühne und kämpfte mit den Tränen. Soeben hatte sie – wie die anderen Anwesenden im Kinosaal – den Film «Daniel Schmid – Le chat qui pense» gesehen und war ziemlich aufgelöst. Sie – Muse, Mitbewohnerin und mehrmals Darstellerin in den Filmen des Schweizer Regisseurs – rang um Worte. Es sei nicht einfach für sie, brachte sie schliesslich heraus: «Es ist immer noch etwas da von dieser Sache, die wir wollten. Wir nahmen es mit Kleist: Je künstlicher etwas ist, umso einfacher ist es für die Seele, durchscheinen zu können.»
Begegnung mit Fassbinder
Dann schaute sie Pascal Hofmann und Benny Jaberg an, die jungen Schweizer Regisseure, die den Film über Daniel Schmid realisiert haben und mit Caven auf der Bühne standen: «Ich dachte, ihr könnt das nicht, diese Kraft aufbringen und Daniels Geist aufwecken. Daniel war ja auch eine Wuchtbrumme! Wir alle waren ziemlich monströs. Aber ihr seid musikalisch und habt Stil, ihr habt es geschafft.»
Das war diesen Februar an der Berlinale, wo die beiden Regisseure ihren Film in der Sektion Panorama präsentieren konnten. Eine kleine Sensation, ist doch «Daniel Schmid – Le chat qui pense» ihr Master-Abschlussfilm an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Diese Woche nun kommt das liebevoll und aufwendig gemachte Porträt über einen der grössten Schweizer Regisseure in die Schweizer Kinos.
Eigentlich hätte der Film ein ganz anderer werden sollen. Hofmann, der Schmid schon als Jugendlicher kennengelernt hatte, da er wie dieser in Flims aufwuchs, hatte die Idee eines Films über und vor allem mit Daniel Schmid. Aufgekratzt und voller Ideen diskutierte er eine Nacht lang in einer Zürcher Bar mit Jaberg darüber. Im Winter 2006 wurde das Projekt zu dritt aufgegleist. Doch nur ein halbes Jahr später starb Daniel Schmid. Was nun?
Nachdem die beiden jungen Männer das Projekt monatelang auf Eis gelegt hatten, wagten sie sich, es von neuem und anders anzugehen. Der Mut hat sich gelohnt. «Daniel Schmid – Le chat qui pense» ist ein vielschichtiges und sehr persönliches Porträt geworden. Anhand von Archivaufnahmen, Ausschnitten aus Schmids Filmen und von Hofmann und Jaberg selbst gedrehtem Material erzählt der Film chronologisch Schmids Leben: Er erzählt von seiner Kindheit in Flims, wo er als Hotelierssohn im Hotel Schweizerhof aufwuchs, von seiner Zeit in Berlin, wo er Rainer Werner Fassbinder kennenlernte (eine prägende Begegnung) und an der Film- und Fernsehakademie studierte, und schliesslich von Paris, der dritten wichtigen Station in seinem Leben. Eine Stimme aus dem Off erzählt aus der persönlichen Perspektive der beiden Filmemacher, wie der Film entstand, schildert prägende Begegnungen mit Schmid und liefert zusätzliche Informationen.
Zärtlichkeit und Respekt
Aus über 200 Stunden Filmmaterial haben Hofmann und Jaberg ein dichtes 83-minütiges Werk gemacht, über drei Jahre haben sie am Film gearbeitet. Die Entscheidung, viel (und bestimmt auch gutes) Material wegzulassen, muss den beiden hoch angerechnet werden. So kommen zum Beispiel nur wenig Bekannte und FreundInnen Schmids vor, die über ihn reden. Umso mehr lassen Hofmann und Jaberg Schmids Werk sprechen und natürlich den Regisseur selbst. Und wenn Schmid Sätze sagt wie: «Ich filme, um weniger allein zu sein» oder «Das erträumte Leben ist das schönste, das wirkliche Leben pfuscht einem rein», dann reicht das vollkommen.
Schmid, der in seinen Spielfilmen wie «Jenatsch» (1987) oder «Zwischensaison» (1992) immer wieder in seine enge, bergige Heimat zurückkehrte, hatte seine eigene Filmsprache gefunden. Auch Hofmann und Jaberg haben für ihren Film ihren ganz persönlichen Zugang gefunden, ohne dabei ihr Vorbild nachahmen zu wollen.
Zu Beginn des Films sagt Daniel Schmid: «Wenn du jemanden beschreibst, beschreibst du eigentlich dich selber, mehr als diese fremde Person. Es ist deine Projektion darauf, die mehr über dich aussagt als über diese längst weggegangene Person.»
Pascal Hofmann und Benny Jaberg beschreiben in «Daniel Schmid – Le chat qui pense» die Zärtlichkeit und den grossen Respekt, den sie für Schmid und sein Werk empfinden.
«Daniel Schmid – Le chat qui pense». Schweiz 2010. Regie: Pascal Hofmann und Benny Jaberg. Ab 8. April in Deutschschweizer Kinos.
Von Silvia Süess © Die Wochenzeitung; 08.04.2010; Ausgabe-Nr. 14; Seite 17